21.12.2020    Text — Manuel Stark    Fotos — Evgeny Makarov

SHOW&TELL

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Evgeny Makarov

1984 in St.Petersburg geboren, verbrachte seine Kindheit zwischen Deutschland und Russland, nachdem seine Familie 1992 nach Hamburg gezogen war. Er studierte Sozial- und Politikwissenschaften an der Universität Hamburg. Während dieser Zeit entdeckte er die Fotografie als ein Werkzeug, um soziale Realitäten jenseits des traditionellen akademischen Ansatzes anzugehen. Anschließend studierte er Fotojournalismus an der Danish School of Media and Journalism in Aarhus, Dänemark. Aktuell lebt er zwischen Hamburg und Rio de Janeiro.

The Students in their Beautiful Ballet Dresses

#Show&Tell — #3 Fragen hinter der Geschichte

3 Fragen hinter der Geschichte an Focus-Fotograf Evgeny Makarov.

Daiana Ferreira ist in einer der gefährlichsten Favelas von Rio aufgewachsen. Eine solche Kindheit prägt. Um Mädchen von der Straße zu holen, hat sie eine Ballettschule gegründet – inmitten eines Armenviertels. Focus-Fotograf Evgeny Makarov hat den Alltag der Schüler*innen in Bildern festgehalten, in Deutschland wurde die Geschichte bereits im Oktober 2019 in Zusammenarbeit mit dem Autoren Fabian Federl im SPIEGEL veröffentlicht. Jetzt wurde Makarov für die Arbeit auch mit dem dritten Platz beim UNICEF-Foto des Jahres ausgezeichnet.

In unseren Drei Fragen hinter der Geschichte erzählt er, was das Projekt mit ihm gemacht hat und wieso er genug davon hat, bei der Berichterstattung über Favelas immer nur Elend zu sehen.

„Wie die Kids sich gefreut haben, das zu sehen war einfach super. Und dabei sollte das doch Standard sein, aber die Regierung hat kein Interesse an diesen Menschen, die haben kein Cent investiert – Die Leute vor Ort haben sich das selbst organisiert. Das sind keine Opfer, das sind Macher." — Evgeny Makarov

Drei Fragen hinter der Geschichte

Wie bist du auf die Idee gekommen, eine fotografische Geschichte über die Ballettschule in der Favela Manguinhos zu erzählen? 

Als Kind habe ich erst in St. Petersburg gelebt, meine Mutter hat das Ballett geliebt und mich ständig ins Mariinskyi-Theater geschleppt, zum Nussknacker und allen möglichen anderen großen Aufführungen. Und ich fand das richtig ätzend und langweilig. Vielleicht habe ich auch deswegen etwas länger gebraucht, bis ich das Thema in Brasilien angegangen bin. Zuerst habe ich in der lokalen Presse davon gelesen und es mir in meinem Block notiert. Dort stand es dann lange Zeit und ich habe immer mal wieder daran gedacht und bin es doch nie wirklich angegangen. An einem Abend dann, war ich mit einer Freundin etwas trinken, die selbst in einer Favela aufgewachsen ist. Sie hat gesagt: Geh das an, mach das! 

Und darüber bin ich froh. Zu sehen, wie viel Arbeit dahintersteckt und mit wie viel Liebe, Begeisterung und Motivation die Lehrerinnen sich da einsetzen, aber auch die Kids dort das Tanzen angehen, das hat meinen Blick auf Ballett verändert. 

 

Favela, das klingt nach Armut, Hunger, Gewalt – was soll eine Ballettschule dort?

Diese Form in der so oft über Favelas berichtet wird, dieses Opfer-Täter-Narrativ: Das ist doch sehr einseitig. Klar, da läuft nicht alles gut, ziemlich viel sogar sehr kacke. Aber Favelas sind nicht nur Jungs mit Maschinengewehren. Die Leute dort schaffen sich ein Umfeld, in dem es auch tolle Dinge gibt und wo das Leben auch einfach mal schön sein kann. 

Die Ballettschule ist eine Art Gemeinschafts-Zentrum. Die Kids stürmen in die Hallen, der Unterricht beginnt und in den Räumen spürst du die Begeisterung. Angefangen hat das Ganze im Hinterraum einer Kirche mit einer Lehrerin und ihren zwei Schülerinnen, mittlerweile beteiligen sich mehrere Profi-Tänzerinnen an der Schule und 250 Kinder bekommen Unterricht. Weitere vierhundert Anwärter*innen stehen auf der Warteliste.

Und wie stolz die Kids darauf sind! Mit dem Bus ging es für die Tänzer*innen einmal sogar in einen anderen Bundesstaat, für eine Aufführung. Rauskommen, andere Orte und Leute zu sehen, Bestätigung zu bekommen,… – da geht es in erster Linie ja nicht um Ballett, da geht es um das Miteinander, als Gemeinschaft.

 

Gab es während der Recherche einen Moment, der dich besonders berührt hat?

Das Handy von Daiana, der Schulgründerin, klingelt nonstop. Sie wird angerufen, sobald Schüler*innen zu spät nach Hause kommen, wenn Eltern sich wegen irgendwelcher Entscheidungen unsicher sind oder auch bei sonst jeder Art von Problem. Während der Corona-Anfangszeit war kein Ballettunterricht möglich, also hat sie sich für die Community auf andere Weise eingesetzt und hat Spenden gesammelt, um die Leute mit Seife, Desinfektionsmittel und allem möglichen zu versorgen. Zu Beginn der Pandemie war das alles knapp. Als die Schulen geschlossen haben, hat sie versucht Online-Stunden einzurichten. Was ja auch schwierig ist, nicht jeder hat dort Internet.

Der andere Moment war ein Regal. In der Ballettschule steht eine Art Holzschrank, voll mit Büchern, und einmal habe ich beobachtet, wie sich nach Unterrichtsende eine handvoll Schüler*innen da versammelt haben um sich welche auszuleihen.

Meine Eltern sind 1992 als Kontingents-Flüchtlinge aus der Sowjetunion nach Deutschland abgehauen, ohne großen Plan, ohne die Sprache zu kennen, ohne einen Ansprechpartner zu haben sind wir mit einem Reisebus erst nach Holland und Bremen und von dort nach Hamburg gekommen. Die ersten Jahre wohnten wir in einer Ausländer-Kaserne. Als da mal ein paar nette Menschen vorbeigekommen sind, und mir eine Kiste ‚Mickey-Mouse‘-Hefte und ‚Was-ist-Was‘-Bücher geschenkt haben, war ich sowas von happy - ich hatte endlich etwas Ablenkung und was zu tun.

Als die Kids der Ballettschule da am Regal standen und sich so darüber gefreut haben, dass sie Bücher da raus ziehen dürfen… das war für mich so ein Moment: Scheiße ey, wie wichtig solche Kleinigkeiten sind.

Wie die Kids sich gefreut haben, das zu sehen war einfach super. Und dabei sollte das doch Standard sein, aber die Regierung hat kein Interesse an diesen Menschen, die haben kein Cent investiert – Die Leute vor Ort haben sich das selbst organisiert. Das sind keine Opfer, das sind Macher.


Anmerkung der Redaktion — Noch während der Arbeit an diesem Text erreichte unseren Fotografen Evgeny Makarov die Nachricht, dass Daiana – die Gründerin und Rektorin der Ballettschule – gestorben ist. Sie war am Coronavirus erkrankt. Wir haben uns dazu entschieden, das Projekt und die drei Fragen trotzdem zu veröffentlichen. Mit der Ballettschule hat Daiana einem Armenviertel ihr Leben gewidmet, ihre Leidenschaft und ihre Zeit. Das verdient Aufmerksamkeit. Wie es mit der Institution vor Ort weitergeht ist, genau wie viele andere Fragen, noch unklar. Evgeny Makarov wird sich mit etwas Abstand über unsere Kanäle zum Tod von Daiana äußern.

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