05.12.2020    Text — Manuel Stark    Foto — Heike Ollertz

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Marleen Hahn 

ist 28 Jahre alt, ausgebildete Fotografin und Fotoredakteurin. Wir sind dankbar und stolz darauf, sie mit an Bord unserer Agentur zu wissen. Bei der agentur Focus – die Fotograf*innen bringt sie sich als Büroleiterin und Bild-Chefin ein.

Wir im Fokus

”Gute Fotografie schafft es, etwas zu verändern!” Agentur Focus Büroleiterin Marleen Hahn im Interview.

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Marleen Hahn , Foto Heike Ollertz / Agentur Focus

Wie kamst du zur Fotografie?
Keine Ahnung, woher das genau kommt. Meine Eltern haben im Urlaub gerne Schnappschüsse gemacht, aber das war es dann auch schon. Niemand in meiner Familie hat sich ernsthaft mit Fotografie auseinandergesetzt. Trotzdem: Schon in der Grundschule, als alle Tier-Ärzt*innen werden wollten, sah ich mich als Tier-Fotografin. Später, als Teenager, träumten sich alle in eine Zukunft als Sänger*innen – und ich in eine als Bravo-Fotografin. Irgendwann zwischen Oberstufe und Studium begannen viele Leute aus meinem Umfeld, sich politisch zu engagieren. Und ich fand einen Zugang zur Reportage-Fotografie.

Was daran interessiert dich?
Ich habe schon immer gerne gestaltet und mich mit Kunst auseinandergesetzt. Zugleich wollte ich in meinem Tun aber nie zu abstrakt werden oder abgehoben. Fotografie schafft eine Verbindung zwischen dem gestalterischen Aspekt der Kunst und der Dokumentation der wirklichen Welt. Da finde ich mich wieder..

Gab es einen Schlüsselmoment?
So richtig gefangen hat es mich, als ich mit einer NGO in Indien war. Damals war ich gerade 19 geworden und als Freiwillige dort, um Mathe und Englisch zu unterrichten. Der Plan für den Foto-Journalismus als Beruf war schon da, ich hatte bereits ein erstes Praktikum im Verlag der Süddeutschen Zeitung gemacht und dort viel gelernt. Trotzdem blieben natürlich Zweifel. Obwohl alle selbst eine Kamera dabei hatten, kamen die Leute in Indien zu mir, sobald es darum ging etwas zu dokumentieren. Sie haben gesagt: „Deine Bilder transportieren die Dinge, wie wir sie wirklich sehen.“ Das bestärkt. Zudem hat es einfach so wahnsinnig viel Spaß gemacht!

Du hast schließlich Fotografie in Hamburg studiert.
Ja, nachdem ich erst ein Studium in Sozialer Arbeit und später noch ein Studium in Kunst & Medien abgebrochen habe. Das Studium hatte ich mir durch Nächte als Bedienung in einer Bar finanziert, im fünften Semester aufzuhören war da nicht leicht. Aber es war mir einfach zu wenig Fotografie. In Hamburg habe ich die Professor*innen schon beim Auswahlgespräch gefragt, ob es möglich ist schon während des Bachelors einen Schwerpunkt auf die dokumentarische Richtung zu legen. War es. Bis dahin war ich es gewohnt Durchschnitt zu sein, zuerst in der Schule, später in der Uni. Dort hat sich das plötzlich geändert. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einer Sache wirklich gut.

Für deinen Abschluss bist du nach Sri Lanka geflogen. Warum?
Wie so oft entstand die Idee zu meiner Abschlussarbeit durch Zufall: Eine Freundin hat mir von ihrer Reise nach Sri Lanka erzählt. Im Norden habe sie ein total komisches Gefühl gehabt. Obwohl der Bürgerkrieg ja schon lange vorbei sei, spüre man ihn noch heute. Bürgerkrieg in Sri Lanka? Mein eigenes Unwissen hat mich schockiert. Also habe ich recherchiert, mich eingelesen, aber auch in meinem Umfeld gefragt, was die Leute über Sri Lanka wissen. Meistens: gut zum Surfen und Tauchen. Vom Bürgerkrieg erzählte niemand. Das wollte ich ändern. Durch Bilder wollte ich auch diese Aspekte des Landes sichtbar werden lassen.

Du hast dich aber entschieden, Bildredakteurin zu werden.
Schon während meiner Studien-Praktika in den Redaktionen von GEO und SPIEGEL ONLINE habe ich gemerkt, dass mir auch die Arbeit mit den Bildern anderer Fotograf*innen sehr viel Spaß macht. Also habe ich mich nach dem Studium an der Ostkreuz-Schule beworben und war im Jahrgang 2019/2020 Teilnehmerin in der Bildredaktionsklasse von Nadja Masri. Dort haben alle Schüler*innen einen anderen Zugang zur Materie, gehören unterschiedlichen Generationen an und bringen eine andere Prägung mit. Durch den Austausch siehst du auf das, was du seit Jahren kennst, aus völlig neuem Blickwinkel. Die einen mögen das SZ-Magazin und haben sich in deren Art der Gestaltung vertieft, andere lieben den Stern, die nächsten sind Fans von Flow. Jede dieser Publikationen hat eine ganz eigene visuelle Sprache, die Bildauswahl editiert man also völlig unterschiedlich. Da erlebt man, wie wichtig es ist über die eigenen Vorlieben hinauszusehen.

"Wenn eine Geschichte einen Menschen gefangenhält, ihn nicht mehr loslässt, dann ist das der Punkt, an dem sie es schafft, etwas zu verändern. Das macht für mich gute Fotografie aus" — Marleen Hahn

Wann ist Fotografie gelungen?
Der MAGNUM-Fotograf Moises Saman hat für das SZ-Magazin eine Geschichte umgesetzt, die meinen Blick auf Fotografie verändert hat. Seine Bilder haben mir etwas über die Sinai-Halbinsel erzählt, von der Schattenseite dieser Region. Geflüchtete werden dort verschleppt, als Sklaven gehalten und misshandelt, später weggeworfen wie unnütze Ware und in der Wüste verscharrt. Er hat Überlebende porträtiert, anonym. Ich habe die Bilder gesehen und mich gefragt: Wie kann man so zugewandt und persönlich, so packend und spannend fotografieren, ohne Gesichter zu zeigen? Das hat mich beeindruckt. Es gibt ja einen Unterschied zwischen wissen und spüren. Das Wissen hat die Geschichte transportiert, aber sie hat mich auch tief berührt. Danach habe ich nicht mehr aufhören können, über diese Geschichte zu sprechen. Wenn eine Geschichte einen Menschen gefangenhält, ihn nicht mehr loslässt, dann ist das der Punkt, an dem sie es schafft, etwas zu verändern. Das macht für mich gute Fotografie aus.

Wie bist du zu FOCUS gekommen?
Heike Ollertz kannte mich aus der Hochschule, dort war ich vier Jahre lang ihre Assistentin. Sie hat mich eines Abends eingeladen und gesagt, sie hätte da vielleicht einen Job für mich. Ein guter Freund käme auch vorbei. Vor Ort haben die mich dann total auf die Folter gespannt. Kein Wort, worum es eigentlich geht, erst einmal essen. Der gute Freund war Paul Schirnhofer, ein Gesellschafter der Agentur. Er kannte mich vorher nicht, und sollte mich daher als objektiver Vertreter einfach mal kennenlernen. Er fand mich wohl ganz passend.

Die Agentur stellt sich neu auf. Welche Impulse willst du setzen?
Die Tradition der Agentur soll erhalten bleiben: Das Gefühl von Wertschätzung und der Arbeit auf Augenhöhe, die sie ihren Kund*innen, Fotograf*innen, aber auch allen anderen Partner*innen schon immer entgegengebracht hat. Wir müssen eine Plattform des Austauschs werden, in der unterschiedliche Perspektiven zusammenfinden. Das ermöglicht uns, Fotografie neu zu denken. Was ist möglich an neuen Präsentationsmöglichkeiten? Magazine sind wichtig, aber wo kann man Bilder noch zeigen? Sind 360°-Videos für uns eine Option? Und wer hat an solchen Formen Interesse? Wir müssen uns neu denken. Es genügt nicht, einfach nur Agentur zu sein.

Was meinst du damit?
Technik entwickelt sich rasend schnell, und damit die Art, wie und über welche Plattformen wir kommunizieren. Aber Bilder sind seit jeher mächtig – und sind es noch. Sie verweben Information mit Emotion. Auf dieser Grundlage können wir weiterdenken, wenn wir uns nicht nur als Dienstleister*innen verstehen, sondern als Teil eines Teams mit unseren Kund*innen. Wir sollten nicht nur fragen: Was wollt ihr? Sondern eher: Was sind unsere Kompetenzen und was sind eure – und, bringt man beide zusammen, was kann daraus neues entstehen?

Ein letztes Wort?
Ich freue mich tierisch auf die Herausforderung, FOCUS neu mitzugestalten. Auf die anfallenden Aufgaben genauso, wie auf die großartigen Kolleg*innen. Und ich möchte auch einfach mal danke sagen. Danke für das Vertrauen.

 

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