21.12.2020    Text — Manuel Stark    Fotos — Mark Mühlhaus

SHOW&TELL

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Mark Mühlhaus

sagt über sich: ”Mich interessiert die »Politik der kleinen Leute« und die Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Seit vielen Jahren arbeite ich zu Themen wie Rassismus und Neofaschismus, aber auch zu Gedenkpolitik, Bildungsarbeit und Verantwortung im Bezug auf den Nationalsozialismus. Das Thema Flucht und Nothilfe brachte mich in den letzten Jahren in den Irak, die Türkei, nach Syrien, Kroatien oder Serbien. So entstehen Bilder für NGOs und Magazine. 2002 gründete ich mit anderen das Kollektiv attenzione photographers.”

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Dokumentation

Flucht an den Grenzen Europas — Drei Fragen hinter der Geschichte an Focus-Fotograf Mark Mühlhaus.

Der Focus-Fotograf erinnert sich an einen Moment, da war er im Auftrag der NGO medico unterwegs in Belgrad: Viele Lagerhäuser, die meisten zerfallen, kaputte Türen, Fenster, Dächer. Dort lebten Hunderte Flüchtlinge, viele von ihnen kamen aus Afghanistan. „Eine Person war Queer, sie hatte noch einen Grund mehr, abzuhauen“, sagt Mark Mühlhaus. „Alle haben Rücksicht aufeinander genommen und für die queere Person einen eigenen Bereich geschaffen, wo sie schlafen kann. Da war so viel Bereitschaft, einander zu helfen, selbst in dieser Notlage. Das hat mich berührt.“

Und das hat den Fotografen gestärkt in seiner Überzeugung: Man muss nah dran sein und nah dran bleiben, um zu verstehen, was passiert. „Die Situation der Flüchtlinge an den Außengrenzen Europas zu dokumentieren, das ist kein Auftrag, wo man einfach hinfährt und Bilder macht. Man muss sich langfristig auseinandersetzen und Kooperationen aufbauen.“ Der Focus-Fotograf hat in der medico einen langjährigen Partner gefunden. „Durch die gemeinsame Arbeit fühle ich mich der Organisation und den Menschen dort verbunden. Ich kann mich mit dem, was medico tut, identifizieren. Weil ich verstehe, was sie tun und wieso.“

Mark Mühlhaus konzentriert sich seit seiner Fotografen-Lehre auf die Bereiche Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Soziales. Neben seinen Projekten zum Thema Flucht arbeitet er seit Jahren zum Thema »Überlebende«. Wieso ihm der Glaube fehlt daran, dass ein Bild die Welt verändern könnte, und wie Fotografie stattdessen Wandel bewirkt, verrät er in den Drei Fragen hinter der Geschichte.

 

„Die Situation der Flüchtlinge an den Außengrenzen Europas zu dokumentieren, das ist kein Auftrag, wo man einfach hinfährt und Bilder macht.“  — Mark Mühlhaus.

Drei Fragen hinter der Geschichte

Du fühlst dich dem Thema Flucht auf der Balkanroute verpflichtet. Warum?

Grundsätzlich: Man muss Menschen helfen, die in Not sind. Das ist politische Einstellung und Überzeugung von mir, nicht nur als Fotograf, sondern als Mensch. Meine Möglichkeit zu helfen ist, mit der Kamera zu begleiten. Asyl ist Menschenrecht. Es kann doch nicht sein, dass an den Grenzen zu Ungarn, Kroatien und anderen Ländern Tausende aufgehalten werden, um sie davon abzuhalten, überhaupt einen Antrag zu stellen.

Ich war zum Thema Flucht auch schon in Syrien, Irak und der Türkei unterwegs. Bei der Balkanroute spielt noch ein anderer Bezug mit rein: Ich bin Kroatien-Urlauber. Die Katastrophe an den Grenzen von Europa passiert wenige Kilometer entfernt von dort, wo ich im Sommerurlaub ins Wasser springe. Kann ich in so ein Land noch fahren?

Es macht aber auch wütend, wenn deutsche Politiker*innen sich hinstellen und tadelnd auf Länder wie Kroatien und Ungarn deuten. Deutschland verfolgt selbst eine rassistische Grenzpolitik. Unser Land schottet sich ab, indem es anderen Ländern den Auftrag gibt, dicht zu machen. Dafür gibt es wirtschaftliche Anreize. Der EU-Türkei-Deal ist bekannt. Aber es gibt auch kleinere Beispiele, wie zehn Wärmebildgeräte im Wert von insgesamt 350.000 Euro zum Aufspüren von Flüchtlingen – Anfang 2020 übergeben durch Innenminister Seehofer an die kroatische Grenzpolizei. Kroatien und andere Balkanstaaten sind nur Vorposten für die Grenzpolitik von Deutschland.


Was werden deine Bilder verändern?

Ich glaube nicht daran, dass Bilder etwas ganz großes auf der Welt verändern können. Vielleicht war es einmal so, als Fotografien noch nicht so leicht erhältlich waren. Heute gibt es eine Flut von Bildern, man wird geradezu zugeschüttet mit visuellen Eindrücken von Katastrophen. Das ist zu groß, das ist zu viel für den einzelnen Menschen.

Bilder können aber in kleinerem Sinne funktionieren, wenn sie für Transparenz stehen. Wenn eine NGO sie benutzt, kann sie damit zeigen: Guckt mal, hierfür sammeln wir, hierfür setzen wir uns ein und brauchen deine Unterstützung. Fotografien können in den Momenten etwas bewirken, wo es um die eine Person geht, die sich fragt: Will ich etwas geben?

Meine Mutter beispielsweise spendet an medico, die Hilfsorganisation, mit der ich seit Jahren eng zusammenarbeite und der auch ich sehr vertraue. Einfach mal spenden, das ist eigentlich gar nicht ihre Art. Deswegen habe ich sie sogar einmal gefragt: Machst du das, weil ich für medico arbeite? Sie hat geantwortet: „Ne, nicht wegen dir. Da würde ich das Geld einfach dir geben. Aber vielleicht wegen deiner Fotos.“ 

Genau das ist es.

Wie gelingt so eine Wirkung?

Du kannst „die Flucht auf der Balkanroute“ genauso wenig zeigen, wie „den Krieg in Syrien“. Aber du kannst an einem ganz speziellen Punkt einsteigen, an einer Kaserne, einem Krankenhaus oder Flüchtlingscamp. Und von dort aus eine Geschichte erzählen, die ganz nah dran ist. So bekommen die Leute etwas Fassbares, und dadurch fühlen sie sich auch der abstrakten Gesamtsituation näher. 

Um die richtigen Aufnahmen zu machen, ist es wichtig, sich auszukennen. Deswegen beschäftige ich mich auch außerhalb der Fotografie und der Tage vor Ort mit den Themen, an denen ich arbeite. Nur wenn ich Ahnung vom Thema habe, weiß ich, was ich fotografieren will. Dann kann ich Geschichten erzählen, die beide Seiten zeigen: Menschen, die bei Minusgraden auf dem Boden schlafen, Flüchtlinge, deren Körper noch Blessuren zeigt, von denen sie sagen, das komme von Prügeln durch Grenzsoldaten. Aber genauso Szenen, in denen Menschen anderen Menschen dabei helfen, zu überleben.

Einen extrem positiven Moment habe ich 2015 eingefangen. Eine Gruppe von Flüchtlingen lief über ein weites und offenes Feld und bei jedem Schritt drückte die Frage: Was passiert an der Grenze? Kommen wir rein, nach Österreich? Das Dorf am Ende des Feldes war frei, es gab keine Sperren oder Barrikaden und sie konnten einfach rein. Ein Mädchen hatte eine kaputte FlipFlop-Sandale dabei, mit der hat sie in die Kamera gewunken vor Freude. Normalerweise interessiere ich mich für solche offensichtlichen Bilder nicht, wenn die Leute die Kamera suchen. Dieser Moment war anders. In dieser Aufnahme bündelt sich für mich die ganze Erleichterung, dieses ganze ‚Wir haben das geschafft‘-Gefühl. In dieses Bild habe ich mich verliebt.

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