05.12.2020    Text — Manuel Stark    Fotos — Martin Langer

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Martin Langer 

Geboren, aufgewachsen und Abitur in Göttingen. Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Dann Studium Foto-Design, Schwerpunkt Bildjournalismus an der FH Bielefeld, Abschluss bei Prof. Heinemann. Seit 1992 von Hamburg aus als freier Fotograf für Zeitschriften, Verlage, Agenturen und Direktkunden unterwegs. Schwerpunkte: News-Feature, Sozial-Reportage, Reise und Foto-Satire im gesellschaftlichen Alltag. Mehrfach Lehr-Aufträge in Berlin und Bielefeld, außerdem immer laufende Projekte im eigenen Auftrag.

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Arbeiten — Fotobuch — Crowdfunding

”Das Land des Lächelns” — Drei Fragen hinter der Geschichte an Focus-Fotograf Martin Langer.

Focus-Fotograf Martin Langer dokumentierte um die 1980er Jahre das Alltagsleben in Bielefeld. Damals noch analog, mit allem Ärger und allem Zauber, den verpasste und eingefangene Momente mit sich bringen. Erst während der letzten Jahre hat er die Bestände dieser Zeit aus seinem Archiv gehoben und gesichtet: Etwa 700 Aufnahmen zeigen Gleichförmigkeit und Unterschiede des Lebens in einer typisch deutschen Stadt. 

Für „Das Land des Lächelns“ hat er die 100 besten Aufnahmen herausgesucht. Das Fotobuch gibt es gerade noch günstig zum Unterstützer-Preis via Vorbestellung bei Kickstarter.

Drei Fragen hinter der Geschichte

Du schreibst, Ostwestfalen sei „typisch deutsch“. Was heißt das?
Typisch deutsch im Kontext der 80er ist für mich das, was man überall wiederfindet. Das Ordentliche. Das Aufgeräumte. Das Zweckmäßige. Die fast schon revolutionären 68er waren noch nicht so lange her, in Berlin hat man das auf jedem Spaziergang deutlich bemerkt, dort hatte der Zeitgeist etwas verändert. In Städten wie Bielefeld blieb das völlig unsichtbar, als hätten sie es verpasst durch einen zu langen Winterschlaf. Solche Städte zeichneten sich dadurch aus, dass sie nichts haben, das sie wirklich hervorhebt.

Nichts war schlecht, aber auch nichts wirklich besonders, alles eher durchschnittlich eben. Die Architektur von Bielefeld spielt da mit rein: Das war langweilige Zweckarchitektur ohne Wiedererkennungswert, nur vereinzelt haben Häuser damit gebrochen, die hatten ein wenig Zierde und schöne Giebel. Auch das ist typisch deutsch, das Zweckmäßige.

1980 wurde am Stadtrand eine moderne Uni installiert. Zur selben Zeit hatte in Aachen eine neue Klinik eröffnet. Die beiden Gebäude waren optisch austauschbar, sie haben genau gleich ausgesehen in ihrer Ausdruckslosigkeit. Solche Beispiele findet man im ganzen Land, von den Alpen im Süden bis zum Meer im Norden gibt es überall kleinere und größere Regionen, an denen nichts herausragt oder einzigartig ist. Aber in Bielefeld dominierte dieses Charakterlose und wurde so selbst zum Merkmal.

Du warst analog unterwegs, viele Bilder wurden nichts. Hat dich das frustriert?
Klar! Heute stelle ich in einer Digitalkamera ja Zeit und Blende ein und wenn es nicht klappt, korrigiere ich mit der Software. Damals ging das nicht. Aber mit Frust hab ich kein Problem, der gehört zur Entstehungsgeschichte eines Bildes. Scheitern gehört da dazu, gerade in der analogen Fotografie.

In diesem Projekt konnte ich ja eins zu eins meine eigenen Vorstellungen verwirklichen, das ist doch toll, das ist doch großartig! Da ist nichts nachgestellt, nichts inszeniert, jedes Bild entstand aus dem Moment heraus. Da läuft etwas ab im richtigen Leben und du grätschst rein, reißt die Leute aus ihrem Trott heraus und die gehen dich erst an, du begegnest ihrer Wut und Empörung mit Charme und Verständnis, und ja, ich lebe noch.

Auf der Suche nach dem richtigen Moment geht es ja viel ums Spazieren, ums Flanieren, darum, die Sohlen der Schuhe abzulaufen und ständig wach und bereit zu bleiben. Und dann ist er da. Der Moment. Und du greifst zur Kamera und stellst die Zeit ein und drehst an der Blende und drückst. Und dann hat irgendein Quatsch nicht geklappt. Schimpfen, Mund abputzen, weitermachen. Jedes gelungene Bild ist für mich der Hammer, in jedem Erfolg steckt ja hundertmal zu scheitern.

Was ist dir an „Das Land des Lächelns“ wichtig?
Solche Projekte sollen gute Stimmung machen. Das ist keine Depri-Kunst, wo man davorsteht und nicht weiß, was man so sagen soll, weil es einen so niederdrückt. Stattdessen kann man sich einfach mal freuen und Spaß  haben und Scherze machen und sich vielleicht an die Absurdität des eigenen Alltags erinnern. Ich will mich über den anderen Zugang, den ernsthaften und gedankenschweren, gar nicht lustig machen. Aber ich finde es schön, eine Alltagsdokumentation aus einem humorvollen Zugang heraus anzugehen. Dazu gehört auch, dass ich mich ehrlich freue und sage: Hey, ich bin stolz wie Bolle, wenn mir etwas gelingt. Und wenn von Außen auch noch Lob kommt und Leute das toll finden, zu Liebhabern werden, ist das großartig.

Ich habe mir keinen Stift genommen und ein Konzept notiert und mir vorgenommen: So, in zwei Jahren bringe ich das zu einem großen Magazin. Stattdessen wollte ich einfach mal ein wenig probieren, austesten, mich ausleben im Bereich der Satire-Fotografie. Ich war von Fotografen, die das gemacht haben, unglaublich beeindruckt, schon während des Studiums. Soziale Dokumentation bedeutet für mich: Ich bringe eine innere Haltung mit. Die hilft mir bei der Wahl der Motive, jeder sieht jeden Tag 1000 Sachen und bewertet die unterschiedlich. In meine Fotos bringe ich quasi meinen Charakter ein. Das ist meine Art.

Erst mit Abstand kann man über ein Konzept reden und herausdestillieren, was an der Arbeit wichtig und gesellschaftlich relevant ist. Der Zusammenhang von einigen Hundert entstandenen Bildern, hat sich mir selbst erst in den letzten paar Jahren erschlossen.

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