25.01.2021    Text — Heike Ollertz   Generative Fotos — generate.photos

Heike Ollertz 2014

Heike Ollertz 

ist seit 2006 ist sie Mitglied der Agentur Focus.  Seit 2015 lehrt Heike Ollertz als Professorin für Fotografie an der Berliner Technischen Kunsthochschule, heute University of Europe for Applied Sciences. Seit 2017 leitet sie als Dekanin den Fachbereich Art & Design in Berlin und Hamburg.

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Roman Bezjak 

ist seit 2000 Professor für Fotografie, und ab 2012 Dekan des Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld.

#Show & Tell  #Ausbildung

„Authentizität, Evidenz und das Wahre der Fotografie – diese Begriffe sind überholt“

Technologischer Fortschritt macht klassische Fotografie in manchen Branchen scheinbar überflüssig: Die Werbekampagnen so mancher namhafter Getränkehersteller oder Automarken werden kaum noch fotografiert. Stattdessen vermitteln immer bessere Programme zur Grafik-Modellierung eine Realität, die es so niemals gab. Was bedeutet das für Studierende der Fotografie?

Die Focus-Fotograf*innen Heike Ollertz und Roman Bezjak sind Lehrende an verschiedenen Hochschulen. Hier sprechen sie über Anforderungen in der Lehre in einem sich verändernden Berufsfeld.

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Der "Anonymizer" von generated.photos generiert KI-gesteuert anonymisierte Avatare auf der Basis von Photoporträts. Diese Anomymisierung folgt dem Prinzip, nur einige Gesichtsmerkmale des Originalportraits zu variieren, nicht alle.  Hier zu sehen: Die anonymisierten Avatare von Heike Ollertz und Roman Bezjak. 

Heike Ollertz — Die FH Bielefeld hat eine neue Professur für „Fotografie und generative Bildsysteme“ ausgeschrieben. Was erwartet ihr euch von dieser neuen Stelle?

Roman Bezjak — Damit reagieren wir auf geänderte Produktionsbedingungen in der angewandten Fotografie und in den künstlerischen Strategien. Die Professur vermittelt medienübergreifende Formen der Bilderzeugung. Wie jedes andere Berufsfeld, kann es sich auch die Fotografie nicht leisten, technologische Entwicklungen zu verschlafen. Fotogrammmetrie, 3D-Scanning, CGI (computergenerierte Bilder), AR (erweiterte Realität), Künstliche Intelligenz und andere Techniken und Anwendungsformen öffnen kreative Räume, die wir innerhalb unseres Lehrangebots ausbauen wollen.

Ausgangspunkt bleibt das fotografische Bild. Die neue Professur widmet sich dem Ansatz, das Bild von der physisch gegebenen Wirklichkeit loszulösen – mithilfe digitaler Mittel. Dieser Fokus steht im Zentrum von Lehre und künstlerischer Forschung.

Heike Ollertz — Es geht also auch darum, einen Impuls für neue Bildwelten in der Fotografie zu schaffen? Verlasst Ihr damit nicht die Ebene des Authentischen? Die dokumentarische Fotografie hat an der FH Bielefeld ja eine ausgeprägte Tradition.

Roman Bezjak — Authentizität, Evidenz und das Wahre der Fotografie sind Begriffe, die medientheoretisch mindestens kontrovers diskutiert werden. Vielleicht sind sie sogar schon überholt. Bilder sind immer ein Produkt ihres Urhebers. Sie zeigen nicht die Welt, wie sie ist, sondern einen subjektiven Blick auf die Wirklichkeit. Bei Betrachter*innen generieren sie Vorstellungen, Bedeutungen und ästhetische Ausprägungen. Fotografie ist also ihrem Wesen nach generativ. Natürlich gibt es innerhalb der verschiedenen Genres einen Unterschied, wie deutlich dieses generative Element ausgeprägt ist. In der dokumentarischen Fotografie wohl tendenziell weniger stark, als im Bereich von Mode- oder Kunst.

”Bilder sind immer ein Produkt ihres Urhebers. Sie zeigen nicht die Welt, wie sie ist, sondern einen subjektiven Blick auf die Wirklichkeit. Bei Betrachter*innen generieren sie Vorstellungen, Bedeutungen und ästhetische Ausprägungen. Fotografie ist also ihrem Wesen nach generativ.” — Roman Bezjak

Roman Bezjak — Hochschulen wird ja immer mal wieder vorgeworfen, sie seien nicht an den Erfordernissen des Marktes interessiert. Was ist die Aufgabe einer Hochschule: Bildung oder Ausbildung? Wie handhabt ihr das an der UE Hamburg?

Heike Ollertz — Als Hochschule für angewandte Wissenschaften sind wir sehr an den Erfordernissen des Marktes interessiert. Wir haben in unserem Fotografie-Bachelorstudiengang aber keinen dezidierten Schwerpunkt, sondern bilden sowohl in der angewandten, als auch künstlerischen Fotografie aus. Da ist es uns sehr wichtig, mit Verlagen, Agenturen, Kulturinstitutionen oder Wirtschaftsunternehmen zu kooperieren, damit unsere Student*innen live mitbekommen: Was wird denn gebraucht – und in welchem Feld kann ich mir vielleicht eine Zukunft vorstellen? Im vergangenen Semester haben wir unser Curriculum umgestellt, um die interdisziplinäre Lehre noch stärker zu verzahnen. Studierende der Fotografie sitzen beispielsweise immer wieder auch in Kursen anderer Fachrichtungen, wie beispielsweise Motion Design, um tiefe Einblicke in andere Designdisziplinen zu bekommen. Dadurch haben wir keine eigene Professur für Technologien wie AR, VR, CGI und Co, auf dem Weg zum Abschluss spielen diese aber auch bei uns eine sehr große Rolle. Also ja, ganz klar: Wir versuchen die Anforderungen des Marktes zu bedienen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Bedürfnisse der Studierenden sehr unterschiedlich sind.

Roman Bezjak — An welche Unterschiede denkst du?

Heike Ollertz — Für einige ist die Hochschule als Experimentierfeld wichtig, für die Persönlichkeitsbildung oder auch für die Entwicklung eines eigenen Stils. Andere kommen mit sehr klaren Vorstellungen an und wünschen sich gezielt eine Profilierung in der Werbung oder Modebranche. Aber egal, mit welchem Bestreben man zu uns kommt: Damit die Zeit an unserer Hochschule nicht nur zu einem Wiederklang des Bestehenden wird, sondern Fortschritt bedeutet, ist es wichtig, dass manche Räume frei von marktwirtschaftlichen Interessen bleiben. Dazu erarbeiten sich unsere Student*innen einen stabilen Wissenskanon der Kunst-, Design- und Mediengeschichte. Auch an Diskursen zu Medientheorie und Ethik sollen sie teilnehmen und eigene Positionen einbringen. Es braucht Freiräume, um sich selbst zu entwickeln – und damit ein eigenes Profil

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